Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Sektionen

Nichts

20.12.2013

Du fragst, was getan werden muss? Nichts.

Alles ist Abfall, es ist nur eine Frage der Zeit, hat meine Mutter oft gesagt. Jetzt sagt sie's nicht mehr, sie hat wichtigere Dinge zu tun. Oder sie hat keine Lust mehr auf diesen Gedanken. Sie hat natürlich in ihrem alltäglichen Ausspruch von Gegenständen gesprochen, die kaputt oder verloren gehen. Ich solle mir keine Gedanken zum zerbrochenen Teller oder zur verlorenen ID machen. Alles sei irgendwann Abfall.

Ich habe diesen Satz noch ein wenig weiter gedacht, Gott weiss, ob sie's nicht auch gemacht hat. Für mich liegt meine Schlussfolgerung sehr nah und mit ihr kann ich auch meine Antwort auf deine Frage begründen.

Alles ist Abfall, es ist nur eine Frage der Zeit. Auch der Mensch. Die Menschheit ist ein Auslaufmodell, das sich in seiner Arroganz über die evolutionären Zwänge, welche ihm wahrscheinlich Wege zum Überleben gewiesen hätten, erhoben hat. Es gibt immer mehr Behinderungen und ja, ich als Brillenträger bin auch behindert. Wir sind abhängig von all diesen Stützen und Prothesen, die unsere Gesellschaft hat und braucht. Zur Aufrechterhaltung der Stützen brauchen wir so viele Ressourcen, dass wir unmöglich nachhaltig sein können.

Ich denke, es muss nichts getan werden. Was getan werden kann, ist eine andere Frage, welche eine andere Antwort verlangt. Wir können unsere Kultur, auf die wir so viel Wert legen und die uns so sehr gefällt und so gemütlich und angenehm ist, austauschen. Wir können sie austauschen gegen eine Kultur mit dem Lebensstandard eines vorindustrierevolutionären Dorfes. Vor der Industrierevolution gab es viel Arbeit, sehr viel. Wenig Schlaf. Sehr wenig. Und auch sehr wenige Freizeitaktivitäten. Und genau das alles wollen wir nicht.
Obwohl... damals war das Leben langsamer und... weniger neurotisch? Ich habe noch nie davon gehört, dass die Leute vor der Industrierevolution ein Burn-out gehabt oder Suizid begangen hätten. Das bedeutet doch, dass das Leben damals erträglich gewesen sein muss. Und dass wir, in unserem Überfluss, mit all unserem Vielem nicht viel besser mit der Realität umgehen können als die Menschen damals mit ihrem Nichts. Und dass wir uns zusätzlich Probleme erschaffen, mit denen wir nicht zurechtkommen. Steigende Burn-out- und Suizidraten.

Wir müssen also, wenn wir ein besseres Leben wollen, unsere Ansprüche und Wünsche und unser ganzes Bewusstsein stutzen. Wir müssen der Handy-, Cyber-, Konsum- und Erdölwelt entfliehen. Mehr vom Nichts wollen. Dann sind wir wieder entspannt. Dann macht das Leben wieder Fehler. Dann lebt, wer leben kann.
Und was würden wir verlieren, wenn wir tun würden, was wir tun können? Wir würden Sicherheit verlieren. Die Erhältlichkeit von Nahrungsmitteln würde nicht mehr durch Gold gewährleistet sein. Die medizinische Versorgung würde unbezahlbar werden und flöten gehen. Unsere Bildung und unser Wissen würden Schritt für Schritt ins Unterbewusstsein verschwinden. Und vielleicht wiederentdeckt werden. Nur um den Menschen wieder aus dem Dreck emporzuheben und dann vielleicht endgültig fallen zu lassen. Alles ist Abfall.

Autor: Patrick Tobler, Schweiz

Dieser und viele andere Texte wurden während des Jugendparlaments zur Alpenkonvention YPAC 2013 in Sonthofen von einem Mitglied der Folio-Gruppe verfasst. Das gesamte Folio ist auf www.ypac.eu/past-ypacs/ypac-2013/folio gratis als Download verfügbar.

Das Jugendparlament zur Alpenkonvention wurde 2006 vom Akademischen Gymnasium Innsbruck ins Leben gerufen und findet seither jedes Jahr in einem anderen Alpenland statt. Das YPAC 2013 "Meine Alpenstadt der Zukunft - Forderungen der Jugend zur nachhaltigen Entwicklung alpiner Städte im Sinne der Alpenkonvention" wurde organisiert vom Verein "Alpenstadt des Jahres", der Stadt Sonthofen ("Alpenstadt des Jahres 2005") und vom Gymnasium Sonthofen sowie fachlich unterstützt von der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA. Ermöglicht wurde das Jugendparlament dank der grosszügigen Unterstützung von u. a. dem EU-Programm "Jugend in Aktion", den bayrischen und deutschen Umweltministerien.

Chamonix GapChambéryBrig-GlisSondrioSonthofenHerisauTrentoBozenBad ReichenhallBad AusseeBellunoVillachMariborIdrija Annecy Lecco Tolmezzo Tolmin karte_alpen.png

 

 

 

 
Benutzerspezifische Werkzeuge